Flugbetrieb

Aufgeben ist niemals eine Option

Seit 27 Jahren ist Thomas Reimer Pilot im Rettungsdienst. Routine gibt’s auch in seinem Job, einen klassischen Alltag allerdings nicht. Jeder Tag und jeder Einsatz ist anders.
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Pilot mit Nachtsichtgerät im Cockpit
Berlin gehört zu den insgesamt elf DRF-Stationen, die rund um die Uhr betrieben werden.
Bevor Thomas Reimer den Dienst beginnt, braucht der Leiter der Station Berlin einen Tee. „Einen richtigen Tee. Für mich ist das eine Tasse schwarzer Tee und die gehört ganz klar zum Starterpaket“, schmunzelt der 54-Jährige, „ohne die Tasse Tee ist die Routine gebrochen.“ Zu der gehört beim Dienstbeginn das Abarbeiten der Checklisten und die Übergabe durch die Kollegen. „Durch die Richtlinien des Bereichs ,Operations’ haben wir klare Vorgaben“, erklärt Thomas Reimer. Wie viele seiner Kollegen wurde auch Reimer bei der Bundeswehr ausgebildet. „Zu meiner Zeit konnten noch Unteroffiziere die Pilotenausbildung machen. Nach eineinhalb Jahren saß ich schon im Hubschrauber, bin nach siebeneinhalb Jahren mit 1500 Flugstunden als Oberfeldwebel raus aus der Bundeswehr. Das ist eine Zahl, da bekommen die Jungs heute Tränen in den Augen“, erinnert sich Reimer, der Anfang der 90er Jahre bei der „Operation Kurdenhilfe“ zu den Heeresfliegern gehörte, die zum ersten großen humanitären Einsatz der Bundeswehr im Ausland aufbrachen.  Nach dem ersten Irak-Krieg waren zwei Millionen Kurden in die Türkei und in den Iran geflüchtet. Reimer zählte zu den Heeresfliegern, die Flüchtlingslager in der Region Bakhtaran mit Lebensmitteln versorgten. „Ich habe heute noch Bilder von einem Einsatz vor Augen. Wir flogen in ein Tal, in dem sich ein Flüchtlingslager befand. Ich bin mit dem Helikopter nur soweit runter gegangen, dass man die Kufen nicht greifen konnte und dann hat unser Bordmechaniker die Pakete mit den Lebensmitteln raus geworfen. Ich erinnere mich an eine hochschwangere Frau. Sie fing ein Paket und danach stürzten sich die anderen auf sie. Manchmal frage ich mich, was wohl aus der Frau geworden ist.“
Pilot oder Architekt – eine schwere Entscheidung
Nach seiner Bundeswehrzeit war für den Schleswig-Holsteiner Reimer nicht zwingend klar, dass er Pilot bleiben würde: „Ich habe zu der Zeit überlegt, eine Umschulung zum Architekten zu machen.“ Zum Glück erfuhr der Hobby-Taucher von der Rettungsstation in Lübeck. „Die wurde zu der Zeit von der Firma HDM betrieben, später von der DRF Luftrettung übernommen“, erklärt Reimer, der hinzufügt: „Das Hubschrauberfliegen macht Spaß. Auch nach so vielen Jahren noch. Wenn ich diesen Spaß damit verbinden kann, anderen zu helfen, dann ist das die Kirsche auf der Sahne.“
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Frontalsicht eines Hubschraubers der DRF Luftrettung bei Nacht
Auch wenn Nachteinsätze für die DRF-Luftrettungsstationen zur Routine geworden sind und die technische Ausrüstung immer besser geworden ist, sind sie anstrengend und erfordern ein Höchstmaß an Konzentration.
Auch wenn es noch so hoffnungslos klingt, du musst 100 Prozent geben.
So wie in dem Fall des 2-Jährigen Jungen, der südlich von Berlin Schönefeld in einen kleinen See gefallen war und etwa 15 Minuten unter Wasser war. Dieser Fall hat sich bei Thomas Reimer förmlich eingebrannt: Als ich das Meldebild sehe, denke ich. Das ist hoffnungslos. Dann, Attacke, los geht’s! Alle Mann in den Hubschrauber. Vor Ort finden wir keinen Landeplatz. Der RTW ist da, am Reanimieren. In einem kleinen Wäldchen geh’ ich runter. Notarzt und HEMS TC raus, durch den Morast zu dem Kind. Ich lande die Maschine an anderer Stelle, das Team kommt mit dem RTW, sie kämpfen um den Jungen. Rein in den Hubschrauber, ab zum Herzzentrum. Zum Glück haben wir ein sehr gutes Verhältnis zur Flugsicherung in Schönefeld und Tegel, die Fluglotsen geben uns Vorrang, tulpenartig gehen Flugzeuge im Landeflug über Berlin auseinander. Und in der Mitte schnippelt der kleine, rote Hubschrauber durch. Im Herzzentrum geben wir das Kind ab. Die Pointe: Der „Kleene“ wurde eine Woche später entlassen. Ohne Defizite.“ Gerade diese Geschichte ist der Beleg dafür: „Auch wenn es noch so hoffnungslos klingt, du musst 100 Prozent geben“, unterstreicht Thomas Reimer.
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Crew auf dem Weg zum nächsten Einsatz im Rettungshubschrauber
Die Crew von "Christoph Berlin" auf dem Weg zum Einsatz.
Immer 100% geben, sowohl am Tag als auch in der Nacht
Berlin ist eine von zehn DRF Luftrettungsstationen, die rund um die Uhr Einsätze fliegen können. Als erste zivile Luftrettungsorganisation führte die DRF 2009 Nachtsichtbrillen ein. „Wir fliegen mittlerweile mit den „white phosphors“. Die Älteren mit dem Grünton dienen als Ersatz“, erläutert Thomas Reimer, „und ich empfinde das schon als weiteren Schritt. In Puncto Sicht und damit Sicherheit ist es noch mal eine Verbesserung und ein deutlicher Schritt nach vorne.“ Um das Cockpit zu sehen, muss der Pilot unter der Nachtsichtbrille durchschauen. Damit umgehen zu können, hänge ab von Ausbildung, Training und Routine. „Das merke ich gar nicht mehr, dass ich unter der Nachtsichtbrille drunter herschaue“, meint Thomas Reimer, „und auch bei der Landung schaue ich bei den letzten zwei, drei Metern auf den Boden unter der Nachtsichtbrille durch. Das ist eine Frage des Trainings.“
Windräder: eine Herausforderung beim Fliegen
Aus fliegerischer Sicht sind die Windräder eine Herausforderung. Zumal ihre Höhe zunimmt.
Was dem 54-Jährigen hin und wieder Sorgen bereitet, sind die Windräder, deren Anzahl in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich zugenommen hat. „Ich habe überhaupt nichts gegen erneuerbare Energiequellen. Ganz im Gegenteil“, betont Thomas Reimer, „aber aus fliegerischer Sicht sind die Windräder eine Herausforderung. Zumal ihre Höhe zunimmt.“ Die Standorte der Windräder seien zwar in den Karten aufgeführt, „ob das aber immer alle sind, da bin ich mir nicht so sicher“, sagt Thomas Reimer.
Helfen und das Leid Anderer ertragen können
In der Rettung komme es neben den fliegerischen Fähigkeiten auch darauf an, „dass ich mir das Leid anderer Menschen anschauen kann, ohne dabei verrückt zu werden. Das brauchst du als Rettungspilot als ,add on’“. Wenn etwas Schlimmes passiere und er mit seinem Team auch nicht mehr helfen könne, sei es wichtig, „darüber zu sprechen“, findet Thomas Reimer, „jeder geht anders damit um, aber wir brauchen eine gute Stimmung auf der Station und sprechen hilft – dann tut es auch nicht mehr so weh.“
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Frontalsicht eines Hubschraubers der DRF Luftrettung
Stationsleiter Tom Reimer und HEMS-TC Danny Jonik sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes Team
Du musst dich auf das konzentrieren können, was du gerade tust.
Der Wahl-Brandenburger gehört mit seinen mehr als 8000 Flugstunden zu den ganz erfahrenen Piloten der DRF Luftrettung. Beim Thema Nachwuchs sei man aktuell noch „gut aufgestellt und wir arbeiten an Konzepten, um auch in Zukunft genügend Piloten zu haben“. Was einen guten Piloten ausmache, sei nicht pauschal zu beantworten: „Du musst dich auf das konzentrieren können, was du gerade tust“, meint er. Dass Thomas Reimer das kann, glaubt man ihm sofort; und das kann der 54-Jährige ganz bestimmt auch ohne Tasse schwarzen Tee als Starterpaket – wenn es denn unbedingt sein muss.
Autor: Konstantin Muffert - Pressereferent
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